Personal-Blog

Es geht auch anders

Es scheint so als würde sich eine Art Kontrollverlust – nämlich, dass Digitalisierung uns Menschen grundlegend ersetzt und in Frage stellt, ausbreiten. Und tatsächlich, das schier Unmögliche wird plötzlich zur realen Option. Digitalprognosen treffen uns mit einer ungeheuren Wucht, Vielfalt und Geschwindigkeit und eröffnen völlig neue Horizonte. Welchen Zukunftsformeln wir dabei noch Glauben schenken sollen, entzieht sich unserer Vorstellung. Was die einen fasziniert, verängstigt andere. Während die Mutigen aufbrechen, bauen andere wieder Mauern und Zäune. What‘s next? Festhalten oder Loslassen, Stillstand oder Aufbruch, Zukunft oder Vergangenheit?

Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass der Stoff, aus dem das Neue ist, immer schon für Hoffnungen und Ängste sorgte. Bspw. bewirkten technische Innovationen nicht nur, dass Altes durch Neues ersetzt wurde. Sie entschieden maßgebend, ob Menschen in Wohlstand oder Armut lebten. Der Beginn der mechanischen Produktion bis hin zur Erfindung des Fließbandes und der Massenproduktion brachte nicht nur Reichtum und Wohlstand, sondern auch eine äußerst effiziente Industriekultur. All das beginnt sich gerade radikal zu verändern.

Die Umgestaltung der vertrauten Welt

Die Entwicklung des Halbleiters und die Erfindung des Computers eröffneten den Eintritt in ein neues digitales Zeitalter, aus der die wohl größte Innovation, die Erfindung des Internets, hervorging. Was sich aber jetzt durch die Digitalisierung und die damit verbundenen Möglichkeiten der Künstlichen Intelligenz abzeichnet, beschreibt völlig neue Dimensionen. Dabei geht es längst nicht mehr nur um eine neue Innovationsoffensive, es geht schlicht und einfach um die Umgestaltung unserer vertrauten Welt. Das, was mit dem Internet begann, führt jetzt die Digitalisierung zu Ende: die totale Vernetzung. Und sie macht das nicht nur äußerst effizient und zielstrebig, sondern auch ungeheuer intelligent und durchtrieben. Sie versucht, zutiefst Menschliches durch intelligente Algorithmen auszutauschen.

Diese Revolution lässt ganze Berufsstände und Branchen aufhorchen. Wirtschafts- und Geschäftsmodelle werden nicht nur reihenweise infrage gestellt, sie werden ganz einfach zerstört, gelöscht und pulverisiert. Menschen werden in ihrer Privatsphäre teils freiwillig, aber meist unfreiwillig bespitzelt, beeinflusst und manipuliert. Ob über unsere Computer, Autos oder Wohnungen bis hin zu Freundschaften oder Liebesbeziehungen, es beobachten uns stets perfide und ausgeklügelte Begleiter einer digitalen Wunderwelt. Der Begriff Identität, welcher all unsere Eigenschaften, Werte und Vorstellungen des eigenen Ichs und wörtlich unsere Unteilbarkeit definiert, ist gerade dabei, sich in ein „virtuelles Ich“ zu verwandeln. Und der „Kampf“ der digitalen Raubritter hat gerade erst begonnen.

Wie wir in Zukunft leben werden, werden in einem immer geringeren Maße unsere Politiker entscheiden. Es sind vielmehr die intellektuellen Helden, Tüftler und Programmierer aus dem Silicon Valley, China oder Korea und deren digitalen Monsterunternehmen. Dabei geht es nicht um rationale Vernunft, sondern um digitale (In)Transparenz, in der das menschliche Verhalten in eine verschlüsselte Sprache der Mathematik übersetzt wird. Technologie wird dabei immer als Chance des Fortschritts glorifiziert. Das damit verbundene Risiko natürlich dem Menschen aufgebrummt.

Die Illusion der Arbeit

Die Digitalisierung wird nicht nur Effizienz im ungeahnten Maß an die Spitze treiben, sie treibt auch eine Revolution der Immaterialität gnadenlos voran. Komplett automatisierte Produktionsprozesse übersteigen die uns bekannten Bilder von Wertschöpfung und Produktivität. Das, was wir heute noch unter Arbeit verstehen, sind in ein paar Jahren Relikte von gestern und wirft die Frage auf, wie wir denn in Zukunft unser Geld verdienen werden. In der Vergangenheit hat technologischer Fortschritt immer Arbeitsplätze geschaffen. Diesmal wird es sich umdrehen, weil menschliche Arbeit bezogen auf Produktivität einen immer unwichtigeren Aspekt einnehmen wird.

Der Computer hat uns in den letzten zweieinhalb Jahrzehnten dabei unterstützt, Arbeit schneller und einfacher zu machen. Heute haben diese Computer gelernt zu lernen, zu verstehen, zu sprechen, zu erkennen und zu handeln. Und gerade beginnen sie sich auf unterschiedliche Situationen und Gegebenheiten anzupassen, und ein Ende dieser Entwicklung ist nicht absehbar.

So viele Möglichkeiten und so wenig Mut

Und dennoch unterliegen wir dabei einem großen Trugschluss, weil wir diese „neue“ Welt ausschließlich über neue Technologien, intelligente Algorithmen oder revolutionärem Gedankengut selbstloser Technologiefanatiker verstehen wollen. Liegt denn nicht genau darin die eigentliche Gefahr dieser Entwicklung, wenn wir Zukunft nur über starre und vorgegebene Weltbilder verinnerlichen wollen? Eine Zukunft ohne Verantwortung, in der andere uns ihre Zukunftsbilder ganz einfach nach Belieben ein- und ausknipsen können? Zeigt uns diese digitale Transformation nicht ein ganz anderes Problem: nämlich, dass der bewusste Umgang mit Vernunft und Verstand ganz einfach aus dem Ruder gelaufen ist. Sollten wir uns nicht mal selbst die Frage stellen, wie denn WIR als Individuum eigentlich in Zukunft leben wollen, um eben nicht den fertigen Zukunftsbildern folgen zu müssen, die andere für uns parat haben.

Auch wenn uns der technologische Fortschritt noch so sehr in seinen Bann zieht, dürfen wir die vorhandenen Ängste, Träume und Hoffnungen der Menschen nicht unterschätzen. Wenn Technologie schneller voranschreitet als das dafür notwendige Bewusstsein in den Köpfen der Menschen, mutiert Veränderung zur großen Gefahr. Dann flüchten die Menschen wieder zurück in die Vergangenheit, weil sie Angst vor der Zukunft bekommen. Dass das auch heute immer noch so funktioniert, erkennen wir an den „Möchtegern Machos“, die uns erklären wollen, warum es Brexit, Populismus oder Mauer- und Grenzvorhaben braucht. Nur leider ist das die falsche Wahl.

Digitalität statt Digitalisierung

Ist nicht das Ausblenden menschlicher Zukunft gerade deshalb so modern, weil man den Menschen verinnerlicht hat, lieber ihren Navigationssystemen als ihren eigenen Instinkten zu vertrauen? Diese Art von Zukunft ist doch nur ein kleines Fragment, das uns zeigt, dass der weitaus tieferliegende Kern, der auf Hoffnungen und Wünschen von Menschen beruht, gerade massiv untergraben wird. Wenn wir Digitalisierung in seinem Inneren verstehen wollen, müssen wir lernen, dass es sich dabei weit mehr um eine kulturelle als nur rein technologische Herausforderung handelt.

Den Begriff „Digitalisierung“ als ultimative Universalkraft einer neuen Welt zu verwenden ist grundlegend falsch. Denn während das eine die Prozesse rein digitaler Technologien abbildet, wird über die Digitalität die Haltungen der Menschen im Sinne ihres Bewusstseins erkennbar. Dieses Wechselspiel gilt es zu verstehen lernen, weil nicht nur das digital Machbare, sondern das menschlich Mögliche im Mittelpunkt unserer Zukunftsbemühungen rücken muss. Gelingt es diese Horizonterweiterung in den Köpfen der Menschen zu verankern, würden wir nicht nur ein zukunftsfähigeres, sondern auch ein intelligenteres Weltbild schaffen.

Wir sollten lernen uns zu entscheiden. Unsere Einstellung hinsichtlich des Neuen gründlich zu klären aber auch zu vertrauen – nicht blind aber mit Mut und Offenheit. Uns die Frage stellen, wohin der Weg denn eigentlich gehen soll. Zukunft braucht Klarheit. Dafür sollten wir aber unsere Fähigkeit des Denkens und Entscheidens wieder in den Mittelpunkt stellen. Letztlich wird uns die Zukunft zeigen, wie intelligent wir Menschen sie gestalten werden.

© Klaus Kofler