Mehr "Sein als Schein"


Wir sollten im Wirtschaftskreislauf - besonders bei den Handelskreisläufen - einen faireren Weg finden zu einer neuen "true economy" - d.h. zu weniger Labels mit nicht mehr überprüfbaren Inhalten und hin zu nachprüfbaren Produkten mit erkennbarer regionaler Herkunft und Informationen zu den dahinter stehenden Menschen, zum gesamtökologischen Kreislauf und zu den Auswirkungen des unternehmerischen Tuns (Ökobilanz).

Fakt ist doch, dass sehr häufig Produkte nicht mehr auf ihren Wert und ihre Herkunft überprüfbar sind. Ein Beispiel: Ein hochwertiges italienisches Hemdenlabel, das für teilweise über 200 € auf einer der Luxusmeilen der Republik verkauft wird, kostet in der Produktion etwa 40 €, Vertriebs- und Positionierungskosten des Herstellers bewirken einen Abgabepreis an der Handel von etwa 80 €, der Handel kalkuliert dann mit teilweise über 200 %, Preis für den Endverbraucher siehe oben. Oder die Gläser einer renommierten österreichischen Premiummarke, die schon in der Vergangenheit einen Großteil ihrer Gläser bei quasi industriell fertigenden Zulieferern produzieren liess (diese auch zwischenzeitlich kurz vor deren Insolvenz übernommen hat) Produktionswert 4 € - Verkaufspreis 20 € (die selbst hergestellten Leadprodukte kosten allerdings im Handel 56 € - daher denkt der Kunden er macht ein "Schnäppchen". Oder der deutsche Spitzenwinzer, der selber über 20 Hektar Flächen verfügt (d.h. ! bei Qualitätsweinen von eigenen Flächen in normalen Jahren 150.000 Flaschen produzieren kann) - seinen mit diesen Weinen erworbenen bekannten Namen einsetzt, um einige 100tausend Flaschen zum Teil mit bedenklicher Qualität "gesegneter" Handelsweine als vermeintliche "Premiumweine" zu vermarkten.

- Transparenz und Fairness -
Abhilfe schaffen, können clusterorientierte Bündelung, faire Handelsmieten und eine transparente Kalkulation. Die Frage nach dem "was ist was wert" müsste wieder in den Vordergrund gestellt werden. Befördern können hier opensource-Plattformen wie z.B. www.zunftwissen.org , in denen jeder seine Kenntnisse zu guten Dingen und deren Verfahrenswissen ins Netz stellen kann und Produkte so auch kritisch beleuchtet werden können.


- Preisfindung -
Warum z.B. eigentlich prozentuale Pauschalkalkulationen, wenn doch der Wert einer Dienstleistung bei der Bemessung der Leistungsvergütung im Vordergrund stehen sollte. Wollen wir eigentlich dafür bestraft werden, dass wir uns in einem Restaurant einmal eine höherwertigere = knappere oder aufwändiger hergestellte (weil bspw. aus einer Steillage stammende) Flasche Wein gönnen wollen. Ich möchte nicht bestraft werden - ich möchte vielmehr gerne für eine gute Dienstleistung bezahlen, für den angenehmen Service, das schöne Ambiente, das nette Gespräch. Eine einfache Lösung kann doch hier das Berechnen eines Korkgeldes sein, das bei einem höherwertigen Wein (ob der Kapitalbindungskosten) ruhig diese Mehrkosten abbilden sollte.


- Die "Wuchergesellschaften" demaskieren
Dem aufgeklärten Verbraucher sollte zwischenzeitlich klar sein, dass er mit seinem Konsum die zum Teil ungezügelte Globalisierung und Vertikalisierung und den "Heuschreckenkapitalismus" mit finanziert. Oder glauben wir im Ernst, dass die der Spekulation geschuldeten Mieten von teilweise über 300 € pro Quadratmeter und Monat an Spitzenstandorten der europäischen Metropolen von den dort tätigen Handelsunternehmen aus "Gutmenschlichkeit" bezahlt werden. Ich denke, wir sollten mittlerweile wissen, dass nicht diese die Mieten erwirtschaften, sondern die Verbraucher durch ihren Konsum an diesen (Un-)Orten und die bisher auch von den Medien nicht kritisierte Akzeptanz der oben genannten Zuschlagskalkulationen durch die Käufer. Und wir sollten eigentlich auch zwischenzeitlich mitbekommen haben, dass die so genannten Schnäppchenreduktionen vorher solide mit einkalkuliert worden sind - davon lebt übrigens der gesamte Möbelhandel.


- Möglicher Lösungsansatz -
So entwickelt z.B. die Die Zunft AG (www.die-zunft.de) als ein Teil einer "Gegenbewegung" gegen diese Unorteentwicklung sogenannte "gute Dritte Orte" für die Herstellung und die Vermarktung wertiger und nachhaltig hergestellter Produkte - die Zunftorte (www.zunftviertel.de) - mit fairen Konditionen (Handelsmieten von ca. 10 €/qm/Monat), wobei sie kleinen und mittleren Unternehmen flankierend Dienstleistungen wie Marketing-, Vertriebsunterstützung, eCommerce aber auch Unterstützung bei öffentlichen Fördermaßnahmen etc. zur Verfügung stellt. Entstehen sollen so attraktive Marktplätze für hochwertige und nachhaltige Produkte und Dienste für Manufakturen, Handel, Ateliers und "slow-food"-Gastronomie.


- Weitere Informationen -
www.die-zunft.de/news.hei
www.zunftwissen.org
www.zunftviertel.de


- Zum Autor -
Christoph Hinderfeld, Diplom-Kaufmann, 46 Jahre. Vorsitzender des Beirats der Die Zunft AG. Mehrere Jahre Mitglied des Bundesvorstandes des Bundesverbandes Junger Unternehmer (BJU). Veröffentlichungen zu Nachhaltigkeitsthemen und Referate/Podiumsteilnahmen zu diesen Themen. Verheiratet, zwei Buben, denen er eine Perspektive für eine bessere Zukunft mit auf den Weg geben möchte.