Wer definiert eigentlich Nachhaltigkeit?


Sind Sie Kaiser? Oder sind Sie Bettelmann? Was wären Sie gerne und wie hängt das damit zusammen, was Sie sein wollen? Seinwollen oder haben wollen?

Ich beobachte seit langem intensive Bemühungen des Habenwollens: Große Mengen selbsternannter Spezialisten oder gar Protagonisten proklamieren das Thema Nachhaltigkeit für sich. Nur … wer macht sie dazu? Welche Maßstäbe gelten, wer ein Nachhaltigkeitsspezialist werden will? Dieser Frage möchte ich im Folgenden ein wenig nachgehen.

Welche Veranstaltung hätten Sie gerne?

Mir fällt unsere momentane Dichte an nachhaltigen Veranstaltungen auf. Die gibt es buchstäblich wie Sand am Meer. Alles dreht sich um das Thema Nachhaltigkeit, jeder bietet das Thema feil und viele kennen sich scheinbar aus. Ich erlebe diese Entwicklung als eine Art déjà-vu mit starken Parallelen zu den Entwicklungen rund um den Begriff „Innovation“. Das liegt zwar schon gut 10 bis 15 Jahre zurück, aber man weiß ja, dass sich Dinge von Zeit zu Zeit wiederholen.

Solchen Parallelen gibt es beispielsweise in punkto Inhalte und anfassbaren Ergebnissen: Es wird heute und wurde damals zwar viel gesprochen und diskutiert, letztlich aber wenig Handfestes und wirklich Revolutionäres vorgestellt. So wurden und werden heute wie damals viele Veranstaltungen eigenartiger Weise von (selbsternannten) Experten angeboten, die scheinbar die Themen besetzen, ohne dass sie auch wirklich etwas Neues und Gewinnbringendes in der Sache von sich geben konnten und können. Von dem dringend erforderlichen neuen Denken … keine Spur! Und das war damals in Sachen Innovation genauso wie heute im Bereich Nachhaltigkeit.

Eine Stufe über den Experten stehen die Protagonisten – und auch davon gibt es reichlich. Solche, die meist sehr subjektiv ohne nachhaltiges Verständnis und Weitblick jeden, der sie und ihre Thesen sachdienlich hinterfragt, ja teils nur versucht zu verstehen, fast schon bekämpfen. Nur, gerade neue und wichtige Entwicklungen dürfen nichts mit persönlichem Egoismus zu tun haben. Hier sind Offenheit und Verständnis gefragt, wenn es denn mit der Nachhaltigkeit gelingen soll. Und vielen ist auch nicht aufgefallen, dass das das Thema und das Wort an sich verpflichtet: Verpflichtet zu einem nachhaltigen und fairen Miteinander, das von Respekt und Interesse geprägt sein sollte. So frage ich persönlich – wenn auch kritisch – nach, suche den Dialog und versuche zu verstehen. Wandel und Veränderung kann man eben nicht mit dem erhobenen Zeigefinger verordnen. Das Zauberwort lautet hier wohl eher Bewusstseinsveränderung! Warum das so ist, möchte ich ganz kurz darstellen:

Erstens: Innerer und äußerer Wandel

Bevor sich größere Veränderungen durchsetzen können, bedarf es in erster Linie eines inneren Wandels. Zu glauben, dass ein solcher innerer Wandel auf Knopfdruck entstehen kann, ist falsch. Dafür braucht es nicht nur neues Denken, sondern auch den Mut und die Verantwortung eines jeden einzelnen Individuums. Entsteht dann aus einem solchen Prozess auch das notwendige Bewusstsein, kann sich dies auch in einem äußeren Wandel zeigen. So ist dieser innere Wandel die erste und wichtigste Stufe hin zu einer nachhaltigen Ausrichtung – quasi ein Fundament, auf das sich alles weitere erst aufbauen lässt. So etwas ist nur sehr bedingt von außen zu steuern. Spannende Ideen und neue Impulse können zwar stimulieren, aber für die Umsetzung – oder besser Wandlung – ist ganz zu Beginn jeder ganz alleine verantwortlich. Um eine lange Geschichte kurz zu machen: Gehe zunächst den Weg von dem Du sprichst!

Zweitens: Erst nass machen, dann waschen

Viele glauben immer noch, dass eine Innovation über die Idee definiert und bestimmt wird. Aber das ist ein Irrglaube. Denn eine Innovation wird ausschließlich durch ihr letztendliches, praxistaugliches und erfolgreiches Ergebnis definiert. Und das bezieht sich nicht nur auf Produkte, sondern auch auf prozessuale Erneuerungen (Innovationen).

Ganz ähnlich verhält es sich auch mit dem Thema Nachhaltigkeit: Wer glaubt, die Nachhaltigkeit einer Organisation an sich nur darüber definieren zu können, wie nachhaltig ein Produkt oder eine Dienstleistung dieser Organisation ist, liegt falsch. Denn Produkte und Dienstleistungen dürfen erst als letzte Instanz betrachtet und bewertet werden – im Bild oben als äußerer Wandel oder Ergebnis. So liegt beim Thema Nachhaltigkeit ein echtes und allgemeines Wahrnehmungsproblem vor. Denn nur wenn eine nachhaltige Entwicklung im Kern eines Individuums oder einer Organisation vorhanden ist, kann auch ganz am Ende etwas entstehen, das auch wirklich nachhaltig ist – streng genommen jedenfalls. So kann eine Organisation, die auf Teufel komm raus, rein gewinn-orientiert arbeitet per se keine nachhaltigen Produkte herstellen – auch dann nicht, wenn diese biologisch-dynamisch und in der Region erzeugt worden sind.

Dass sich kleine Organisationseinheiten mit solchen Wandelungsprozessen etwas leichter als Große tun, liegt klar auf der Hand. Die Ursache dafür liegt auch zu großen Teilen in der Organisationskultur begründet: Je größer und komplexer sich eine solch bestehende Kultur darstellt, desto langwieriger und schwieriger ist ein solcher Wandelungsprozess. Schließlich soll jeder Mitarbeiter wissen, was es mit der nachhaltigen Wirtschaftsweise seiner Organisation auf sich hat.

Es gilt also: nicht nachhaltige Produkte verändern unsere Welt zum Positiven, sondern eine Kultur, in der Nachhaltigkeit im Kern des Denkens und Handelns ausgebildet wird. Alles andere wäre zu kurzfristig angedacht – und streng genommen „grüngewaschen“ (greenwashing). „Wasch mich, aber mach mich nicht nass“ geht nicht … ging eigentlich noch nie!

Drittens: Faktor Zeit

Auch beim Faktor Zeit erkenne ich wieder Parallelen zum Thema Innovation. Denn weder Nachhaltigkeit noch Innovation funktionieren nach dem „hopp, hopp-Grundsatz“ – über Nacht ist da gar nichts zu machen. Die Umsetzung der oben beschriebenen Grundlagen braucht eben Zeit. Allerdings kann ein Grundsatzplan über den geplanten nachhaltigen Weg einer Organisation helfen, Zeit zu gewinnen. So wird das Vorhaben transparent und für Prosumenten und Interessenten jederzeit überprüfbar.

Auch wenn uns und unserer Erde die Zeit davon läuft, so braucht es doch einen Plan, Besonnenheit und Reife, um es jetzt und hier richtig zu machen.

Fazit

Jeder möge sich selbst und seine Organisation kritisch in seinem und deren nachhaltigen Ansinnen und Tun hinterfragen. Wenn die Bereiche der inneren Philosophie und Überzeugung, alle Geschäftsprozesse sowie die Kultur im nachhaltigen Gleichklang stehen und alle Beteiligten ein und denselben Weg erkannt haben und gehen, dann können wir über eine nachhaltige Organisation sprechen.

Solche nachhaltigen Organisationen und auch Individuen gehen offen und respektvoll mit anderen um. Um anderen eine Chance zu geben, sich in Richtung der Nachhaltigkeit auszurichten, braucht es vor allem einen konstruktiven und fairen Dialog – und Vorbilder. Was uns in dieser Entwicklung bevorsteht, ist eine kollektive Veränderung unseres Wirtschaftssystems, die nicht von einzelnen individuellen Gruppierungen oder aufgrund unterschiedlicher Denkweisen vorab als gut oder schlecht beurteilt werden darf. Denn genau genommen geht es nämlich in dieser Thematik um unsere Zukunftsfähigkeit.

Nachhaltigkeit wird nicht dadurch definiert, was einzelne Experten oder Protagonisten meinen oder äußern. Nachhaltigkeit ist eine Frage von Kultur, und inwieweit WIR bereit sind, uns auf einen offenen Dialog einzulassen. Für diese Kultur braucht es nicht noch mehr Individualität, sondern wieder etwas mehr Kollektivität – mehr WIR. Und dieses WIR kann nicht verordnet oder befohlen werden, sondern ist nur gemeinsam zu definieren – ohne Kaiser, Könige oder Bettelmänner.

© by Klaus Kofler 2009