Risiko, Innovation und Zukunftsangst
Einleitung
In Zeiten des Wandels sind einige Gegebenheiten anders als sonst. So werden
nicht mehr die Großen die Kleinen überholen sondern vielmehr die
Schnellen die Langsamen – eben ganz unabhängig von der Größe.
Und spätestens auf der Talsohle der Krise oder des Wandelungsprozesses,
gilt es sich seiner Chancen bewusst zu sein und diese zu ergreifen. Wie kann
das gehen? Ganz einfach: Neu Denken.
Viele Firmen sind jetzt damit beschäftigt Ballast abzubauen und Blasen
substanziell wieder langsam zu füllen. Das wird noch einige Zeit in Anspruch
nehmen. Zeit die die kleinen und wendigen Unternehmen jetzt nutzen können
– ja müssen. Jetzt. Nicht morgen, nicht heute Nacht - Jetzt.
Neu denken und loslassen
Die Herausforderung, die es zu meistern gilt, ist die es anders zu machen. Anders
als die letzten Jahre, anders als vor der Krise und anders als überhaupt
irgendwann. So helfen klassische Mittel wie erhöhte Werbung, günstigere
Preise oder massive PR derzeit wenig, Käufer und Umsatz zu gewinnen oder
gar akute Misswirtschaft aufzufangen – das Sicherheitsnetz ist zerschnitten.
Die heutige Herausforderung besteht im Wesentlichen darin, den Kunden in den
Mittelpunkt seines Unternehmens und des damit verbundenen Denken und Handelns
zu stellen. Einfach so und ohne wenn und aber. Und es geht darum dem Kunden
zuzuhören und ihm bewusst zu machen, was das Besondere an Ihren Produkten
oder Leistungen ist. Was der Kunde davon hat, wenn dieser eben diese Leistungen
oder Produkte in Anspruch nimmt. Konkret: Hören Sie Ihren Kunden gut zu
und formulieren Sie anschließend den individuellen Ego-Benefit Ihrer Leistungen.
Genau in diesem (Verhaltens-)Bereich liegt heute die Innovation. Zur Überraschung
vieler ist das auch ein Bereich, der mit lernen zu tun hat. Denn vor dem Neuen
Denken steht das Lernen. Junge von Alten und neu: Alte von Jungen. Kunden von
Kunden. Unternehmen von Kunden.
Einige unserer Grundfeste sind erschüttert und Denkpfade z. B. entlang
einer klaren Trennung von Freizeit und Beruf sowie in Produzenten und Konsumenten
sind nicht mehr länger existent. Es machen hybride Begriffe wie Prosument
die Runde. Sicher nimmt der Einzelne das bisher ggf. nur in Form von sehr feinen
Hinweisen und Zeichen wahr, ein Blick über den Tellerrand und die Summierung
aller Effekte aber zeichnet plötzlich ein ganz anderes Bild: Eine Lawine,
die lange schon läuft und stetig größer wird.
Alle diejenigen, die bereit sind zu hinterfragen, Bestehendes aufzugeben und
einfach loszulassen, können den Wandel in diesem Moment noch mitgestalten.
Das ist eine einmalige Chance neue Strukturen und Grundlagen zu schaffen, die
völlig andere Ziele verfolgen als das, was bisher war. Ein faires Miteinander
in einem Kontext totaler Transparenz ist eines dieser Kernziele – Brüderlichkeit.
Und diese Brüderlichkeit beinhaltet den wesentlichen Erfolgsfaktor des
momentanen Tuns: Vertrauen. Ohne Vertrauen wird kein Neues Denken möglich
werden. Die Intelligenz der Vielen setzt auf Vertrauen, Kaufentscheidungen der
Zukunft setzen auf Vertrauen und so wird Vertrauen eine Art neue Basis des Miteinanders
– in Firmen und an deren Schnittstellen zu Kunden und Lieferanten. Die
neue Leitwährung sogar?
Leuchttürme im Sturm
Erst wenn die Vertrauensbasis gegeben ist, kommen Katalysatoren ins Spiel. Socail
Software wie Twitter, Facebook, YouTube und Wikipedia bergen eine unglaubliche
Innovationsdynamik in sich. Sie sind einfach von jedermann zu bedienen, sind
transparent und unterstützen alle den Austausch der Menschen untereinander.
Einige sprechen oder sprachen in diesem Zusammenhang von der Revolution –
wie ich vor kurzem übrigens auch noch. Aber je näher wir uns die Vorgänge
anschauen, je detaillierter wir in die Prozesse eintauchen, desto stärker
wird unsere Überzeugung, dass es sich eher um evolutionäre Prozesse
handelt.
Auch im stärksten Sturm, bei ordentlich Hack wie der Norddeutsche sagt,
gibt es Leuchttürme, die einem den sicheren Kurs in einen Hafen weisen.
Bevor die Krise eintrat gab es schon viele Hinweise. Hinweise, die eben in Richtung
dieser Leuchttürme wiesen. Nur leider ist es in stressigen Zeiten oft so,
dass Menschen damit beschäftigt sind vor ihre Füße zu schauen
– deutlich häufiger jedenfalls als zum Horizont. Sie achten auf den
nächsten Schritt, sondieren das Gelände in nächster Nähe.
Angst … und Zaudern
Das Stichwort Web 2.0 ist älter als die Krise und schon im Jahre 1999 wurden
im Cluetrain Manifest alle wesentlichen Züge von Web 2.0 detailliert beschrieben
– und noch viel mehr als das. Nur ist es von kaum einem konsequent angegangen
worden. Die Kundenzentrierung blieb aus, so richtig durften die Kunden dann
doch nicht mitreden. Blenden zählte immer noch mehr als Authentizität
und Globalisierung war hipp, Regionalisierung dagegen wohl möglich spießig.
So war die Gewinnmaximierung das Ziel der Ziele. Das das nicht unendlich so
weitergehen konnte, unsere Gesellschaft daran langsam zugrunde geht und verarmt
– und das nicht nur im monetären Sinne – war einfach und direkt
zu beobachten. Natürlich ist genau hier auch ein großer Teil der
Zukunftsangst unserer Gesellschaft in Deutschland verortet. Die breite Mitte
bröckelt nach unten weg, die Oberschicht hebt sich weiter ab – was
bleibt da außer Angst? Angst, Pessimismus und das so deutsche …
Zaudern.
Nur: Wer begreift in diesen vermeintlich schlechten Zeiten dann schon, dass
diese auch immer eine Chance für Neues bieten? Und das ist genau das, auf
was ich Sie heute aufmerksam machen möchte: Auf Chancen, die sehr zahlreich
gesät sind, wenn wir nicht nur und ausschließlich vor unsere Füße
schauen.
Enterprise 2.0 ist anders sein
Und ich möchte Ihnen auch aufzeigen, das Risiko immer dazu gehört,
nicht schlimm ist und auch wiederum Chancen bietet.
Enterprise 2.0 ist eine solche Chance. Was das ist? Kurz gesagt: Unternehmen
im Web 2.0 und Web 2.0 im Unternehmen. Eine neue Art von offener, vernetzter
Organisation, die ein völlig neues Geschäftsprinzip als Grundlage
besitzt. So ist hier die Zusammenarbeit - oder neudeutsch die Kollaboration
- die Grundlage der Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen. Früher betraf
diese Kollaboration nur die Zusammenarbeit in einer Abteilung – wenn es
gut lief sogar innerhalb eines Unternehmens. Heute ist Kollaboration eine Vielfalt
an Methoden der Zusammenarbeit von Objekten – meist durch das Internet
ermöglicht oder verstärkt. Dazu zählen Menschen genauso wie Dinge
und Unternehmen. Und die Chance? Ganz einfach (schon wieder): Helfen Sie mit
Ihre Firma zu einer Enterprise 2.0 zu machen. Oder versuchen Sie es, einen Teilbereich
von Enterprise 2.0 besonders gut zu beherrschen, um anderen beim Wandel von
außen zu helfen. Vieles deutet darauf hin, dass wir uns an einem Wendepunkt
der Wirtschaftsgeschichte befinden, einem Punkt an dem sich Unternehmen grundlegend
verändern. Die bisherige fast fanatische Ausrichtung eines Unternehmens
in Richtung der Gewinnmaximierung, die in allen Gesellschaften dieser Welt galt,
ist überholt und so muss auch die strategische Ausrichtung perspektivisch
überdacht werden. Mögliche Ansatzpunkte sind hier die schon erwähnte
Zusammenarbeit mit Kunden, Mitarbeitern und Lieferanten, die Herausarbeitung
von Alleinstellungsmerkmalen, die auch global Bestand haben und die Findung
neuer Geschäftsarchitekturen als Fundamente. Es geht für Unternehmen
darum ein nachhaltiges und vor allem auch authentisches Unterscheidungsmerkmal
zu entwickeln. Nicht „me too“ und Nachahmung ist gefragt, sondern
vielmehr Innovationsfähigkeit, Agilität, Beobachtungsgabe und die
Entwicklung der ureigenen Kompetenzen. Lernen von anderen.
Leichtigkeit statt Macht
und Angst
Loslassen ist eine weitere Chance. Wenn wir loslassen, dann verlieren wir die
Kontrolle, lassen Macht und das Prinzip der Führung mit Angst hinten uns.
Das das der Anfang von großen Dingen sein kann, zeigt das Internet. Das
Web ist auch deshalb so erfolgreich und innovativ, weil Kontrollstrukturen kaum
vorhanden sind: Jeder darf mit jedem arbeiten – auch ohne Genehmigung.
Jeder darf zu jedem verlinken und jeder darf jede Seite veröffentlichen,
die wiederum vom jedem besucht werden kann. Dabei bedeutet das nicht, dass Gesetze
plötzlich außer Kraft sind und einfach Schwachsinn und Anarchie um
sich greifen können. Das Internet regelt die guten und sinnvollen Angebote
eben über die Nachfrage. Und so ist das Internet eine der wichtigsten Innovationsmaschinen
in der Geschichte der Menschheit – unter den Prinzipien des Loslassens.
Und wie fangen wie das Loslassen an? Nur da gibt es einige einfache (ohne „ganz“)
Punkte: Wir lassen unsere Kunden miteinander über uns sprechen, fördern
diesen Ansatz und bieten sogar die Plattform dafür. Wir versuchen nicht
unsere Produkte selbst möglichst optimal dazustellen, wir überlassen
auch das unseren Kunden – gerne im Zusammenspiel und Dialog mit unseren
Mitarbeitern. Denn auch hier lassen wir los: Wir bringen unsere Mitarbeiter
mit den Kunden zusammen – womöglich auf der identischen Plattform
auf der sich die Kunden untereinander austauschen. Auch das managen von Menschen
und Mitarbeitern können wir einfach ziehen lassen – es ist kein wirklicher
Machtverlust und schafft viel Raum für Neues. Und als letzter Ansatz für
das Loslassen sei die Zeit genannt. Zeit und Kontrolle könnten fast eins
sein – zumindest in unseren normalen Unternehmungen: Vom Lebenszyklus,
der Arbeitszeit, über minutiöse Projektpläne und jour fixen bis
hin zu Probezeiten. So dominiert Zeit unser Arbeitsleben fast über die
menschliche und betriebliche DNA – in uns und im Unternehmen.
Dieser Ansatz überholt sich gerade. Loslassen hat sehr viel damit zu tun,
den Menschen und Mitarbeitern ihren Rhythmus zu lassen, ihnen zu vertrauen und
Zeit fallspezifisch und nicht generell organisatorisch zu definieren. Dazu zählt
es auch, dass Mitarbeiter natürlich während – der früheren
– Arbeitszeit im Internet surfen und einkaufen können. Nicht die
Zeit sondern das Ergebnis und die Zufriedenheit des Mitarbeiters zählen.
Lassen sie los und verlieren Sie – gleich zu Anfang dieses Jahres –
einfach mal die Kontrolle im positiven Sinne. Auch wenn Sie sich das Silvester
noch nicht vorgenommen hatten.
Fazit
Wer analytisch gelesen hat, bei dem haben sicher die Worte Chance, ganz einfach
und lernen eine bleibende Erinnerung ausgelöst – einfach durch häufiges,
zu häufiges hören? Aber was ist denn eigentlich die Chance? Wikipedia
meint dazu: „Aus mathematischer Sicht bezeichnet Chance, auch die Möglichkeit
des Eintreffens eines günstigen Ereignisses mit einer mathematischen Wahrscheinlichkeit,
die größer als Null, aber kleiner als Eins, ist.“ Durch die
häufige Nennung habe ich heute diese Wahrscheinlichkeit wahrscheinlich
deutlich in Richtung 1 verändert. Und Sie waren dabei!
Und: Ganz einfach? Das hat etwas mit direkt und unmittelbar zu tun. Keine Interpretationen
und kein Versteckspiel. Geradeaus. Für mich ist das Authentizität
und der Weg, der an den eigenen Wurzeln startet. Wenn wir jetzt zwischenmenschlich
denken, ist Vertrauen ganz einfach. Natürlich hat der Mensch Bedenken,
Sorgen und negative Erfahrungen. Dennoch bleibt Vertrauen einfach. Für
mich eindrucksvoll gibt das eine Äußerung von Willms Buhse von Core
Media wieder. Core Media ist einer der Klassenbesten („best-of-class“
/ „best practice“) in Sachen Enterprise 2.0 und so sagt Herr Buhse
mit entsprechendem Erfahrungshintergrund: „Im Web 2.0 vertrauen wir Menschen“
– ich hätte mir nach dem „Im Web 2.0 ….“ alles
vorstellen können. Aber nicht dieses ganz einfache Extrakt.
Zum Lernen fällt mir ein Zitat von Jimmy Wales ein. Wer weiß wer
das ist? Für alle die es nicht wissen – keine Angst, mir war der
Name auch nicht so geläufig. Jimmy Wales war einer derjenigen, die dafür
verantwortlich waren, dass die Wikipedia am 15. Januar 2001 das erste Mal den
Hauch des Internets erspürte. Von ihm las ich Ende letzten Jahres im Magazin
der ZEIT in der Rubrik „Ich habe einen Traum“: „[…]
Es ist Zeit, grundsätzlich zu fragen, wer überhaupt darüber entscheidet,
was wir zu lernen haben. Wer ist dieser big boss? Niemand wird kommen und uns
den Weg zeigen oder uns retten, das können wir nur selbst. Wir müssen
nur die Angst davor verlieren, dass wir auf unserem Weg im Chaos versinken werden.“
So habe ich in diesem Artikel versucht, Ihnen einen oder sogar mehrere Wege
zu zeigen. Wege und Perspektiven in diesen unbestritten stürmischen Zeiten
des Wandels. Wege, die das Chaos vermutlich ganz einfach umgehen werden, Wege
ohne Angst, Wege, die Sie nur finden werden, wenn Sie loslassen.
©
by Oliver Selaff 2009